TränenReich

... das Buch der Stille.


 

Ein Textauszug aus dem Buch "TränenReich"
von Wolfgang Todtenhausen
 
....... Als unser Kind starb, hatte ich danach immer das gleiche Bild vor Augen und versuchte es auch anderen zu vermitteln. Wir befanden uns als Eltern, die ihr Kind verloren hatten, auf einer riesigen großen Eisfläche, mitten auf einem großen zugefrorenen See mit vielen Rissen und Spalten. Ein falscher Schritt würde uns unweigerlich in die kalte und unendliche Tiefe versinken lassen. Ganz in der Ferne war Land zu sehen, aber die Bäume, Wiesen und Tiere waren nur grau, einfach grau. Kein Laut war zu hören und keine Sonne schien. Nur das Knirschen der sich ständig verändernden Eisfläche war zu hören. Wir hielten uns an den Händen und versuchten nun ganz langsam aber stetig an das Ufer zu gelangen, in der Hoffnung es irgendwann zu erreichen und zu hoffen, dass die Natur mit jedem Schritt wieder etwas an Farbe zunehmen würde.
 
Aber brauchten wir deshalb diese Art der Behandlung, also die gleiche Behandlung wie die anderen Patienten? Als dieser Patient, der einmal den „Kollegen des Vater“ spielen musste, zum Wochenendurlaub nach Hause fuhr, erzählte er uns später etwas darüber. Seine Frau und er hatten Besuch von der gemeinsamen Tochter bekommen und mit ihr hatte er dann unter Tränen über seine Rolle als „Arbeitskollege“ gesprochen. Mit großer Betroffenheit, aber auch mit großem Unverständnis hatte dann seine Tochter darauf reagiert. War es Sinn und Zweck dieser Therapie, durch das Leid der anderen sein eigenes zu vergessen? Das schien aber nicht aufzugehen, denn nun hatte der Patient zu seinem eigenen Problem ein weiteres mit auf den Weg bekommen.
Wie hatte Sonja noch zu mir gesagt: „Weißt du, ich wusste, dass es heute passiert, deshalb habe ich dich nicht ausgewählt dabei mitzumachen, denn du hast soviel Leid in den vergangen Monaten aushalten müssen.“
 
„Sie sollten sich nicht so sehr um die anderen kümmern“, sagte einmal eine, es sicherlich gut meinende Krankenschwester zu mir, der ich von meinen neuen Erfahrungen und Eindrücken erzählt hatte. Das hätte aber bedeutet, dass wir uns die Geschichten der anderen Patienten nicht zu Herzen nehmen sollten, im Gegenzug würden dies die Anderen dann auch nicht bei uns tun. Aber wir wollten doch von unserem Kind berichten, denn wir waren der festen Überzeugung, wenn wir erst einmal nicht mehr über sie sprechen und an sie denken, dann wäre sie wirklich gestorben. Nach und nach bekamen wir in den folgenden Wochen Besuch von einzelnen Patientinnen auf unser Zimmer. Sie kamen, um sich den kleinen Altar, den wir jeder in unserem Zimmer für unser Kind aufgebaut hatten, einmal anzusehen.
 
Nicht selten geschah es dann, dass einige weinend davor standen und über das Bild unseres Kindes streichelten. Uns hat diese Anteilnahme in dem Moment gut getan, denn wir hatten nach der Beerdigung nicht mehr viele Menschen um unser Kind weinen sehen.
Warum weinten aber Menschen, die unserem Kind niemals begegnet waren? War es das eigene Leid, dass sie so sensibel und emotional machte? Schließlich hatte ich ja auch während Sonjas Geschichte weinen müssen. Diese Frage spielte in diesem Moment einfach keine Rolle, sondern vielmehr, dass Menschen ganz spontan die Fähigkeit offenbarten, ihr Mitgefühl zu zeigen. .... 
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